Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark steht auf dem Prüfstand. Der SSW fordert konkrete Antworten zur 2024 beschlossenen Strategie. Was hat sie in verschiedenen Bereichen bewirkt, und konnten Hindernisse abgebaut werden? Ein Blick auf die offenen Fragen und politischen Forderungen.
„Wir wollen in wichtigen Zukunftsfeldern wie Wirtschaft und Infrastruktur, Bildung und Kultur, Umwelt, Klima und Energie oder der Digitalisierung noch enger mit Dänemark als unserem wichtigsten Nachbarn im Ostseeraum zusammenarbeiten“, sagte der Dänemark-Beauftragte der schleswig-holsteinischen Landesregierung, Johannes Callsen, im September vor zwei Jahren bei der Vorstellung der 100 Seiten langen Dänemark-Strategie des nördlichsten Bundeslandes.
Der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) hat nun eine Große Anfrage auf den Weg gebracht, um zu erfahren, was konkret seit 2024 durch diese Strategie erreicht wurde.
„Wo sind Hürden gefallen, welche Projekte sind konkret vorangekommen, und wo gibt es messbare Verbesserungen? Das lässt sich aus der Strategie selbst bislang nur bedingt ablesen. Deshalb fragen wir nach“, so der Fraktionsvorsitzende SSW-Landtagsfraktion, Christian Dirschauer, zum „Nordschleswiger“.
Die deutsch-dänische Zusammenarbeit habe sich über viele Jahre positiv entwickelt und ist heute in vielen Bereichen sehr eng. Dazu gehören etwa die Grenzpendlerberatung, die gewachsenen regionalen Strukturen und Netzwerke, Interreg oder die Kooperation bei Bildung und Kultur. Auch die Dänemark-Strategie selbst greife zahlreiche dieser bestehenden Strukturen und Projekte auf.
Wo sind neue Hürden gefallen, welche Projekte sind konkret vorangekommen, und wo gibt es messbare Verbesserungen? Das lässt sich aus der Strategie selbst bislang nur bedingt ablesen. Deshalb fragen wir nach.
Eine Strategie, die vor allem bestehende Projekte und Strukturen beschreibt, sei aber noch kein politischer Fortschritt. „Genau deshalb interessiert uns, welchen zusätzlichen Schub die Strategie seit 2024 gebracht hat“, erklärt Dirschauer eine der Kernfragen. Schleswig-Holstein müsse Motor, Interessenvertreter und manchmal eben auch Antreiber sein.
SP: Dänemark steht auf der Bremse
In Nordschleswig hat man den Vorstoß der Minderheitenpartei ebenfalls vernommen. „Wir können den SSW nur um die Möglichkeit beneiden, eine Große Anfrage zum Stand der Dänemark-Strategie Schleswig-Holsteins zu stellen und welche konkreten Errungenschaften dadurch bislang erzielt werden konnten. Denn da gibt es zumindest eine Strategie, zu der Fragen gestellt werden können“, sagt Ruth Candussi, Parteisekretärin der Schleswigschen Partei (SP) auf Nachfrage.
Die einst durch Dänemark formulierte Deutschland-Strategie sei zehn Jahre alt und nie systematisch durch einen konkreten Handlungsplan umgesetzt oder aufdatiert worden.
Inzwischen ist Deutschland proaktiver und sucht gezielt die Zusammenarbeit, während Dänemark auf der Bremse steht.
Candussi weist diesbezüglich auf das kürzlich erschienene Interview mit Danfoss-Chef Jørgen Mads Clausen hin, der darin auf die Notwendigkeit einer Deutschland-Strategie Dänemarks hingewiesen hat. „Inzwischen ist Deutschland proaktiver und sucht gezielt die Zusammenarbeit, während Dänemark auf der Bremse steht“, so Candussi.
Viele Hürden im grenzüberschreitenden Alltag
Dirschauer betont, dass es grenzüberschreitend noch immer unnötige Hemmnisse gebe. „Ganz oben stehen für mich die praktischen Hürden im Alltag der Menschen. Also Steuer- und Sozialversicherungsfragen für Grenzpendler, die Anerkennung von Berufsqualifikationen und eine bessere grenzüberschreitende Mobilität. Die Strategie selbst benennt den dauerhaften Abbau solcher Hemmnisse als einen Schwerpunkt.“
Auch Bildung und Sprache sind für den SSW-Politiker zentrale Punkte. „Wer die Sprache des Nachbarn versteht, dem fällt auch der Schritt über die Grenze leichter – beim Studium, in der Ausbildung oder im Beruf.“
Wirtschaft, Energie und Gesundheit sind ebenfalls Bereiche, in denen Dirschauer noch viel Potenzial sieht, stärker als gemeinsame Region zu denken. Ein Beispiel: „Gerade beim Fachkräftemangel bringt es wenig, wenn wir ausschließlich in nationalen oder administrativen Grenzen denken.“
Deutsch-dänische Arbeitsgruppe
Eine deutsch-dänische Arbeitsgruppe für verstärkte Zusammenarbeit in der Grenzregion, die 2022 aus dem „Deutsch-Dänischen Aktionsplan“ entstanden ist, hatte sich vor ein paar Jahren über viele Monate mit den Problemen und Hürden für das Zusammenleben im Grenzland beschäftigt.
Die Ergebnisse und mögliche Lösungen präsentierten sie im Juli 2024 der damaligen Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) in Flensburg.
Der Arbeitsgruppe gehört unter anderem auch der Generalsekretär des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Uwe Jessen, an.
Den Minderheiten, die ebenfalls in der Strategie erwähnt sind, misst der SSW-Politiker eine besondere Bedeutung bei. Sie gestalteten das deutsch-dänische Miteinander mit und verfügten über jahrzehntelange Erfahrung. „Dieses Wissen muss stärker in politische Entscheidungen einfließen“, ist Dirschauer überzeugt.
Pfandsystem, Bahnverkehr, Flextrafik
In Nordschleswig blickt Ruth Candussi durchaus gespannt auf die Antworten der Großen Anfrage. „Die schönsten Strategien sind nichts wert, wenn sie sich nicht auch gerade in den Grenzregionen bewähren.“ Egal um welchen Bereich es gehe, sollte stets der grenzüberschreitende Aspekt mit eingedacht werden – auf beiden Seiten der Grenze.
Dabei führt sie ganz alltägliche Themen an, etwa die Notfallversorgung, den öffentlichen Nahverkehr mit Flextrafik und Grenzlandtickets, ein gemeinsames Pfandsystem. Auch der auf die lange Bank geschobene Ausbau der Bahnstrecke Tingleff-Pattburg (Tinglev-Padborg) ist Candussi betont wichtig.
Die schönsten Strategien sind nichts wert, wenn sie sich nicht auch gerade in den Grenzregionen bewähren.
Viele Großprojekte im Grenzland stehen in den Startlöchern, an die Tausende Arbeitsplätze gekoppelt sind. Candussi nennt etwa den Bau des Rüstungsunternehmens FFG in Handewitt (Hanved), das Zentralkrankenhus in Flensburg (Flensborg), Projekte für Batteriespeicher und Datenzentren, PtX-Anlagen wie in Kassö (Kassø), die Entwicklung des Apenrader Hafens oder die geplante Rennstrecke „Circuit of Denmark“.
Als Fortschritt bezeichnet Candussi etwa die Arbeit im deutsch-dänischen „Cross Border Panel“, das einst nach Vorbild der skandinavischen „Grænsehindringsgruppe“ gegründet wurde. Hier seien vor allem Erleichterungen für Pendlerinnen und Pendler erzielt worden. Aber: „Immer alles in mühsamer Kleinstarbeit. Es fehlt der große Wurf.“
Viele Themen werden nicht auf Landesebene entschieden
Doch was kann die Dänemark-Strategie einer Landesregierung überhaupt bewirken, wenn viele dieser Themen auf Bundesebene entschieden werden?
„Das ist ein berechtigter Punkt“, sagt Dirschauer. „Viele der großen Hemmnisse liegen tatsächlich im Bundesrecht oder können nur gemeinsam mit Dänemark gelöst werden. Das gilt etwa für Steuer-, Sozial- oder Arbeitsrecht. Schleswig-Holstein kann diese Fragen nicht im Alleingang lösen.“
Genau deshalb brauche es jedoch eine klare Strategie. In Kiel müsse man die Probleme aus der Grenzregion systematisch identifizieren, bündeln und gegenüber Berlin und Kopenhagen mit Nachdruck vertreten, so der SSW-Mann. „Die Landesregierung selbst wirbt beispielsweise für dauerhafte Strukturen zum Abbau von Grenzhemmnissen und für Öffnungsklauseln im nationalen Recht.“
Stärkerer Einsatz der Bundesregierung gefordert
Dennoch würde Dirschauer es begrüßen, wenn sich auch der Bund strategisch stärker mit Dänemark und den besonderen Herausforderungen der Grenzregion befassen würde. „Die deutsch-dänische Grenzregion darf bei den Regierenden in Berlin nicht erst dann Thema sein, wenn ein konkretes Problem eskaliert.“
„Die Welt hört an der Grenze auf, weil die nationale Logik gegenüber der regionalen Logik in den Systemen nach wie vor dominiert“, sagt Candussi. Dies sei aber auch in anderen Grenzregionen so, wie ein Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der Maas-Rhein-Region gezeigt habe. Dort seien die Herausforderungen dieselben.
Die deutsch-dänische Grenzregion darf bei den Regierenden in Berlin nicht erst dann Thema sein, wenn ein konkretes Problem eskaliert.
Warum keine Deutschland-Dänemark-Strategie?
„Vielleicht sollte es nicht bei einer Dänemarkstrategie auf deutscher Seite und einer Deutschlandstrategie auf dänischer Seite – die ja erst noch gemacht werden müsste – bleiben. Warum nicht einfach gleich eine gemeinsame Deutschland-Dänemark-Strategie. Die SP hilft gerne dabei“, sagt Candussi.
Antworten der Landesregierung frühestens im Oktober
Mit einer Antwort auf die Große Anfrage ist wegen der Bearbeitungsfrist von drei Monaten frühestens Mitte Oktober zu rechnen. Johannes Callsen wollte sich auf Nachfrage nicht äußern, um den Antworten nicht vorzugreifen.
„Wir erwarten eine gründliche und belastbare Antwort. Wenn es eine landesweite Dänemark-Strategie gibt, muss die Landesregierung auch in der Lage sein, deren Umsetzung über die einzelnen Ministerien hinweg zu bilanzieren.“ Gerade die ressortübergreifende Zusammenstellung sei dabei ein Teil des Erkenntnisinteresses.
Es bedarf einer ehrlichen Bestandsaufnahme, so Dirschauer. Das Ziel sei klar: „Unser Ziel ist eine Grenzregion, in der die Menschen ihren Alltag über die Grenze hinweg möglichst unkompliziert gestalten können. Daran muss sich die Dänemark-Strategie messen lassen.“
Quelle: Der Nordschleswiger, Gerrit Hencke: „SSW stellt Dänemark-Strategie auf den Prüfstand“, veröffentlicht am 16. Juli 2026.
